Da er nicht genügend Zeit oder Geld hatte, nach China zu fliegen, eh an Flugangst leidet, der Umweg mit dem Zug über Moskau und Wladiwostok zu umständlich ist und er auch nicht unbedingt den Schweizer Garten in Kunming aufsuchen wollte, besuchte er eben den China Garten in Zürich. Zudem schien ihm der heutige Tag, Freitag der 13., besonders geeignet diese kleine friedliche Oase der Eintracht und Besinnlichkeit aufzusuchen. Laut einer Gratiszeitung war der Freitag der 13. früher mal der so genannte Execution-Day. Die ethnischen Besonderheiten der wirtschaftlich aufstre-benden chinesischen Bevölkerung sind übrigens auch einfacher und billiger auf der Quaibrücke oder vor dem Fraumünster zu studieren, wo sie grinsend und plappernd die westliche Welt digitalisieren. Wieso also extra eine strapaziöse und teure Fahrt ins Reich der Mitte unternehmen. Im China-Garten zahlte er 4 Franken Eintritt und keine Menschenmassen verdeckten den Blick auf den Platz des himmlischen Friedens. Als erstes durchschritt er eine kleine Höhle, die gleich am Anfang des Gartens aufgebaut ist; ob aus Tösstaler Nagelfluh erstellt oder kaschiert, erschliesst sich dem gebückten Besucher nicht sogleich. Sicher jedoch ist das skurrile Gebilde nach den Kriterien von Feng-shui errichtet. Man fühlt sich nämlich, kaum ist man drin und auf der Rückseite wieder raus, genau so wohl wie zuvor und steht vor einem trüben Goldfischteich, worin massenweise Kois und Karpfen durch algenreiches Wasser kurfen. Peking-Enten schwimmen keine auf dem Wasser, sind aber im Take-Away gebraten zu haben, sowie Antibiotika behandeltes Hühnerfleisch mit Pommes-Frites. Weitere angebotene Gerichte sind aus den verschiedensten Ländern der Welt. Auf schmalen Pfaden schlenderte er nun zwischen englischem Rasen und unter typisch chinesischen, riesigen Pappeln an kugelig geschnittenen Buchsbäumen und Azaleen aus dem «Se-legel-Mos» zu einem bemalten Häuschen und dachte sich, ob wohl Maozedong auch ab und an auf einem solchen Bänkchen gesessen ist und über die Kulturrevolution nachgedacht hat? Ob ihm dieser kapitalistische Kommunismus wohl zugesagt hätte, wo westliche Investoren der Forderungen von arbeitenden Massen überdrüssig in sein Reich strömen, weil da die Arbeitsbedingungen so schlecht sind, dass sich das Kapital der Unternehmer aus Erstweltländern unverschämt vermehren kann?
Gleich neben dem Häuschen, hinter der chinesischen Holzmauer dröhnt der Verkehr der Bellerive-Strasse vorbei. Überm Holzbrüggli hatte er eine Vision, Jack Nicholson lehnt an der Mauer des China - Gartens und hält sich mit einer Hand ein Taschentuch an die blutende Nase und mit der andern nimmt er Sushis vom Fliessband und steckt sie in den Mund. An der Wand hängt schief ein Bild des Dalai Lama und ein Foto des Vogelkäfigs von Herzog und de Meuron zu den Olympischen Spielen in Peking. Über eine Brücke musste er gehen, um zu weiteren bemalten Häuschen zu gelangen.
Hier nun schaute er auf die vielen Kois herab, die unter ihm massenweise neben-, unter- und übereinander schwammen. Sie sind nach Farben und Dessins gemustert und gezüchtet. Bei einzelnen Exemplaren glaubte er gar Ying und Yang Muster auf ihren beschuppten Leibern festgestellt zu haben. Sie versammelten sich hier unter der Brücke auf der er stand, reckten ihre Körper mit geöffnetem Mund aus dem Wasser in Erwartung, gefüttert zu werden. Er war sich gar nicht sicher, ob diese Viecher gefüttert werden dürfen. Einem besonders aufdringlichen Tier, das sich mit offenem Rachen ständig über das Gewusel der vielen Fischleiber hinwegsetzte, schob er eine Pommes-Fritte in den aufgerissenen Rachen. Er schaute sich dann um, entdeckte aber keinen Hinweis, dass hier die Fische nicht gefüttert oder geangelt werden dürften. Jedenfalls offenes Feuer machen ist verboten, somit wird auch kein Olympischer Fackellauf die Idylle stören. Eine Gruppe von Falun-Gong-Anhängern hat sich hier in diese Enklave zurückgezogen und frönt meditativen Übungen, beobachtet von einem Sektenforscher der als Stamm getarnt neben einer grossen Trauerweide stand.
Der China-Garten kann auch für Events gemietet, jedoch soll anfallender Abfall nur in Zürisäcken entsorgt werden.