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Satirische Texte von Hans Suter
Heutige Eltern

«Kommst du endlich», rief die Mama nun schon zum dritten Mal in das Zwölfzimmerhaus hinein, wo der 11-jährige Kevin in seinem Zimmer vor dem Bildschirm sass. Dass er nichts hören konnte oder nichts hören wollte, lag an den überdimensionierten Kopfhörern, die er sich übergestülpt hatte. Die Mutter ging jetzt in Kevins Zimmer, stellte sich sichtbar neben den Bildschirm und versuchte, ihrem Sohn gestikulierend darauf hinzuweisen, dass es höchste Zeit sei, sich auf den Weg zur Schule zu machen. Sie war heilfroh, dass sie diese allmorgendliche Zeremonie nur noch mit dem Sohn veranstalten musste, weil seine vierzehnjährige Schwester Bibiana nicht mehr zu Hause wohnte, sie war zur therapeutischen Behandlung in ein Internat gebracht worden, weil sie die Nahrung verweigert hatte. Mama deutete nun mit dem rechten Zeigefinger auf ihre diamantbesetzte Rolex und nach draussen, wo der SUV mit laufendem Motor bereitstand. Kevin hingegen deutete auf den Screen mit dem Hinweis, dass die letzten Animationsfiguren, mehrere Priester, noch niedergeknallt werden müssten. Das Spiel war der letzte Schrei auf dem Markt und hiess: «Kill the priest» Der Junge hatte heute anscheinend einen schlechten Tag, er traf einfach nicht. Es riss an seinem Joy-Stick und stampfte mit den Füssen.

Die Mutter wurde immer ungeduldiger, hob eine Kopfhörerschale vom Ohr des Jungen und schrie: «Hast du es schon genommen?» «Nein!!!». schrie Kevin zurück. Worauf die Mama in eines der Badezimmer ging, um aus dem Apothekenschrank das Ritalin zu nehmen, welches sie auch sogleich mit einem Glas Wasser vor ihren Sohn hinstellte. Der hatte inzwischen die dreidimensionalen Priester abgeknallt, nahm die Pille, spülte sie mit Wasser hinunter, ergriff seinen Schulsack und ging seiner vorauseilenden Mutter zum bereitstehenden Geländefahrzeug nach. Mutter machte einen Blitzstart, so dass der Kies auf dem Vorplatz weggeschleudert wurde. «Easy», meinte der Sohn, aber irgendwie fand er es auch cool. Sie reihten sich in den morgendlichen Schulverkehr ein. Währenddem die Mutter mittels Freisprechanlage ihren Tag organisierte, hatte Klein- Kevin Knöpfe im Ohr und spielte ein erst kürzlich auf den Markt geworfenes Spiel worin es darum ging, allzu kinderliebende Reformpädagogen auf den solarstrombetriebenen Stuhl zu bringen. Geschossen wurde nicht, weil es zum Spiel gehörte, die feindlichen Lehrpersonen anschliessend zu kompostieren, was bleiverseucht nicht mehr möglich wäre. Plötzlich nahm Kevin seine Knöpfe aus dem Ohr und unterbrach die Mutter, die gerade dabei war, mit dem plastischen Chirurgen einen Termin zur Brustvergrösserung der Tochter Bibi zu vereinbaren; sie hatte sich das zum vierzehnten Geburtstag gewünscht und versprochen, dann  auch wieder zu essen. «Mama», sagte Kevin. «Moment», sagte die Mutter, «ich bin am Telefonieren!» «Mit wem?» «Ja also, um siebzehn Uhr, alles klar, vielen Dank Herr Doktor, auf Wiederhören.» «Krieg ich jetzt noch meine Boni?», forderte Kevin. «Eigentlich hast du die nicht verdient!», sagte die Mutter «Die kriegt man doch ohnehin!», meinte Kevin, worauf Mama mit der einen Hand in ihrer Handtasche wühlte, die auf dem Beifahrersitz lag.

«Was war denn das für ein Doktor, mit dem du gesprochen hast?» «Doktor Straff, der Schönheitschirurg.» «Schon wieder!» «Was heisst schon wieder, Bibiana war noch nie bei Doktor Straff!» «Was will denn Bibiana dort, das bringt ja eh nichts!» «Sei nicht unverschämt. Eine Brustvergrösserung, hat sie sich zum Geburtstag gewünscht.» «Brustvergrösserung? Sie hat ja noch gar keine!» «Eben!», meinte Mama und hatte endlich den Geldbeutel aus der Handtasche gewühlt. Inzwischen waren sie bei der Schule angelangt und die Mutter hielt hinter der Kolonne, der dort aufgereihten Autos an, aus denen die Kinder hüpften und zum Schulhaus strebten. Kevins Mutter streckte ihrem Sohn ein «Zehnernötli» entgegen, welches Kevin, der schon wieder seine Knöpfe im Ohr hatte, geistesabwesend an sich nahm und mit einem «Okay, tschüssli» in Richtung Schule schlenderte.

 

Der nächst Vordere

Auch während der schönen Zeit, in der die Autos im Schnee stecken blieben und der Verkehrslärm nur gedämpft durch die verschlossenen Fenster an mein Ohr drang, hatte ich dieses mit Watte voll gestopft. Mit Watte gegen den Verkehrslärm geschützt, weil die Autofahrer mit oder ohne Schnee hupen. Sie hupen einfach dem Vorderen, dann der wieder dem Vorderen, obschon beide wissen, dass der Vordere auch einen Vor- deren hat, der seinerseits wegen eines Vorderen nicht losfahren kann, Vielleicht fordern sie den Vorderen jeweils nur auf, ihrerseits den Vorderen aufzufordern dem Vorderen zu hupen, wer weiss? So hat jeder tagtäglich irgendein Auto vor dem Kopf. Und jeden Tag staut und hupt er an dersel-ben Stelle vor sich hin. Manchmal trifft es sich sogar, dass er denselben Vorderen hat wie gestern und er überlegt sich, ob er heute diesem selben Vorderen wohl wieder hupen müsse, damit dieser wisse, dass er wieder sein Vorderer  sei. Aber der heutige Vordere, der derselbe Vordere von gestern ist, hupt auch schon bereits wieder seinem Vorderen und somit scheint klar zu sein, dass er seinem Vorderen, der ja eben hinwiederum seinem Vorderen, weil er nicht weiterfahren kann, hupt, heute auch hupt. Bald ist Automobilsalon. Schaut sie euch an, die neuen Modelle! Dann kauft: Zweitwagen, Drittwagen, Neuwagen! Denkt auch an die Kinder, es gibt jetzt Kinderjeeps. Was für schöne Sonntagsausflüge! Jeder mit seinem eigenen Wagen: Die Mutter mit dem Stadt- Lancia, der Vater mit dem SUV, die älteste Tochter mit dem Van. Auch Grossvater fährt nach dem ärztlichen Attest wieder selber mit seinem alten Opel, alleine versteht sich, weil Oma hat sich ein Gerontomobil gekauft. Sollte nicht jeder und jede ein anderes Ziel gehabt haben, trifft man sich vielleicht sogar irgendwo auf einem Parkplatz, auf einer Raststätte oder im Stau, man hupt und der Vordere ist Papi, Oma oder das eigene Kind. Und siehe da: Jeder ist sich selbst der Vordere. So wird es sein noch ein paar Monate oder Jahre. Und dann eines schönen Sonntags, nachdem sich Blechkarosse an Blech-karosse, Stossstange an Stossstange gereiht hat, geht es plötzlich nicht mehr vor, auch nicht zurück. Als Finale wird ein letztes Mal ein Hupkonzert einsetzen und schauerlich durch die Landschaft dröhnen, dann immer leiser werden und dann ganz ersterben. Einige Autofahrer werden vor Verzwei-flung gegen das geliebte Blech treten, davon aber bald mangels geeignetem Schuhwerk wieder ablassen. Ein paar werden versuchen die Leitplanken aufzureissen, um sich übers Feld davonzumachen, jedoch zumeist im Erdreich stecken bleiben. Die Meisten werden, nach längerem, blechzer reissenden Abschiedsszenen den mehr oder weniger langen Nachhauseweg unter die Füsse nehmen, noch einige Male zurück blicken ob nicht doch einer von den Vorderen sich plötzlich vorwärts bewegt, was aber aus bekannten Gründen nicht mehr möglich sei wird. Ich für meinen Teil werde mir dann die Watte aus den Ohren nehmen und der Arbeitslosen in der Watteindustrie gedenken.

 

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