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Buch «Satiren – fidel und artgerecht»
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Leseprobe
Waldjustiz
Wurde auch als Hörspiel  gesendet:
1988/93 DRS
2001 SWR 

 Es  ein herrlicher Frühlingstag, voller Licht und schon angenehm warm. Die Vögel zwitschern und jubilieren um die Wette, und aus dem Walde ertönt in regelmässigen Abständen ein Kuckucksruf. Ein steiler Feldweg, gesäumt von einem Wiesenbord, führt zum Waldesrand empor. Grünes drängt sich zwischen dürrem Gras ans Licht, und die Schlüsselblumen wanken in der leichten Frühlingsbrise.
Zwei Autos holpern langsam diesen Feldweg hinauf, zum Waldesrand, wo schon andere Wagen geparkt sind. Lustige Räuchlein streben gen Himmel, und ein Duft von gebratenen Würsten erfüllt die von Bienen zersummte Luft. Federbällchen fliegen durch dieselbe, begleitet von fröhlichem Kinderlachen. Einige Hunde tollen und versäubern sich, froh, der engen Stadtwohnung entronnen zu sein, auf der Wiese.
Die beiden Autos haben ihr Ziel erreicht und werden umständlich am Waldrand abgestellt. Dem einen Wagen entsteigt ein etwa 50 jähriger Mann, der sich fürs heutige Picknick in ein paar Jeans gezwängt hat. Sein Bauch quillt über dem Gürtel, der ein Schattendasein fristet, empor und darüber hinab. Seine etwas jüngere Frau macht in ihrem rosa Overall einen gut erhaltenen, aber etwas verhärmten Eindruck. Aus dem anderen Auto steigen ein circa 45-jähriger Mann, mit verwittertem Gesicht und glänzendem, haarlosem Kopf und seine hübsche, um einige Jahre jüngere Frau.
Dem Kofferraum entnehmen sie Klapptische, Klappstühle und prall gefüllte Picknickkörbe, schliessen dann sorgfältig alle Wagentüren und gehen zielbewusst zu einer kleinen Waldlichtung. Dort stellen sie ihre Habe zwischen Fichten und Birken auf den moosigen Boden.
Der Glatzköpfige macht sich sogleich auf die Suche nach Brennholz. Der Mann mit Bauch versucht mit allen möglichen Tricks, den Tisch waagrecht und stabil auf dem unebenen Boden zu installieren. Nachdem der Tisch einigermassen gerade steht, legt seine Frau ein Tischtuch darüber, um darauf die mitgebrachten Esswaren zu drapieren. Ihr Mann versucht mitzuhelfen, kann es aber seiner Frau nicht recht machen, somit gibt er den Versuch auf, setzt sich auf einen Stuhl, öffnet eine Bierflasche, trinkt und zündet sich eine Zigarre an. Seine Frau findet, dass es gescheiter wäre, die reine Waldluft einzuatmen, statt sie zu verpesten. Er findet, ob sie ihn nicht wenigstens sonntags mit ihrem Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein verschonen könne. Und überhaupt, wenn ihr wirklich die Oekologie ein ernsthaftes Anliegen wäre, hätte sie nicht Plastikgeschirr mitgeschleppt, kontert er gereizt.
Die andere Frau hat sich in der näheren Umgebung umgeschaut und kommt nun mit einer handvoll Pilze zurück, hält sie ihrem Manne, der versucht hat mit dem gesammelten Holz ein Feuer zu entfachen, unter die Nase. Diese rümpft er mit der Bemerkung, dass diese Pilze an sich essbar wären, aber hier, so nah der Autobahn, schlügen sich zu viele Abgaspartikel darauf nieder, deshalb sei ein Verzehr der Pilze nicht empfehlenswert. Der Mann mit Bauch grunzt, verschluckt sich an seinem Bier und bemerkt lakonisch, dass man ja auch nicht zu Fuss gekommen sei...
Nach einem peinlichen, kurzen Schweigen, setzt sich die Waldgesellschaft gemütlich hin und beginnt die mitgbrachten Früchte, Käse, Tomaten, Eier, Salami, Weiss- und Vollkornbrot, Gurken, Silberzwiebeln, Oliven und den selbstgebackenen Früchtekuchen zu verzehren. Würste müssen leider kalt gegessen werden, weil es nicht möglich war ein Feuer zu entfachen. Dies könne allenfalls auch etwas mit der Belastung der Umwelt zu tun haben, bemerkt die jüngere Frau. Die andere Frau pflichtet ihr bei, jedoch hier am Tisch könne man ungeniert zugreifen, alles was sie eingekauft habe, sei aus biologischem Anbau. Sogar das Plastikgeschirr, kann ihr Mann sich nicht verkneifen zu sagen.
Man lässt dann aber diese strapaziöse Problematik beiseite, geniesst das Essen, plaudert über dies und das, prostet sich mit einem süffigen Landwein zu und eine mehr oder weniger entspannte Sonntags-Atmosphäre macht der Umweltdebatte Platz.
Zwei Jogger tauchen keuchend zwischen den Bäumen auf und machen ganz in der Nähe einige Rumpfbeugen. Der ältere Mann, jetzt schon ziemlich angesäuselt, schreit den beiden zu, ob sie keinen Durst hätten; ein Bier würde er ihnen gerne offerieren. Zögernd kommen die zwei näher. Ihre Körper atmen noch kräftig unter den pinkfarbigen Trainingsanzügen, und die Schweiss-perlen glänzen auf ihren solariumgebräunten Stirnen. Dort ist auf weissen Bändern rot die Marke des Lauftenues aufgedruckt. Ihr Parcour sei zu Ende gelaufen, und somit hätten sie eigentlich nichts gegen diese freundliche Einladung einzuwenden, vor allem auch deshalb, weil nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen Bier für Läufer sehr zu empfehlen sei. Sie würden ihr Lauftraining ständig steigern und seien jetzt schon bei dreissig Minuten Laufen angelangt. Es dürfe nur langsam gesteigert werden. Es beginne damit, dass man das erste Mal nur dreissig Sekunden laufe, dann sechzig Sekunden gehe, dann wieder dreissig Sekunden laufe und sechzig Sekunden gehe, undsoweiter. Dies betreibe man eine Viertelstunde lang. Am nächsten Tag werde schon gesteigert: Dreissig Sekunden Laufen, dreissig Sekunden Gehen, dreissig Sekunden Laufen, dreissig Sekunden Gehen usw. Dann sechzig Sekunden Laufen, dreissig Sekunden Gehen, sechzig Sekunden Laufen, dreissig Sekunden Gehen usw. Die gesamte Trainingszeit werde auch langsam gesteigert und systematisch die Gehsekunden eliminiert, bis man bei dreissig Minuten Laufen angelangt sei. Dies hätten sie längst erreicht und würden dieses Pensum drei Mal wöchentlich absolvieren. Kaum eine Viertelstunde sei es mit dem Wagen hierher, wo die Luft noch nicht verpestet sei.
Die Picknickgesellschaft hat den Ausführungen einigermassen aufmerksam zugehört, und die guterhaltene Frau, des Mannes mit Bauch deutet auf diesen, mit der Bemerkung, dass auch ihm etwas mehr Bewegung nicht schaden würde. Sie wirke immerhin aktiv im Damenturnverein mit und würde immer zu Fuss einkaufen gehen.Die junge Frau bringt nun noch ihre wöchentlichen Aerobicstunden ins Gespräch, und ihr Mann, als Briefträger, kann sich über mangelnde Bewegung auch nicht beklagen. Die Bemerkung des immer feuchtfröhlicheren Mannes mit Bauch, dass jeder nach seiner Fasson selig werden könne, wird durch wildes Hundegebell und Schüsse unterbrochen.
Dass es eine Jagdgesellschaft sein könnte, wird allgemein bezweifelt, auch ein Schiessstand wurde die vielen Jahre, die man sich hier schon zum Picknick einfindet, nie festgestellt. Mit dem Einwurf des Briefträgers, dass es sich um eine Verbrecherjagd handeln könnte, kann sich die Picknickgesellschaft schon eher anfreunden. Die Schüsse sind nun plötzlich ganz nah. Der Aufforderung des Beschwipsten sich doch auf den Boden zu werfen, um nicht fälschlicher-weise abgeschossen oder das Opfer eines Querschlägers zu werden, hält seine Frau entgegen, dass am Boden liegend sich die Gefahr des Abgeschossenwerdens noch vergrössere. Denn sollte es sich um eine Jagdgesellschaft handeln, wäre es von Vorteil, sich nicht am Boden kauernd aufzuhalten, ansonsten man allenfalls mit einem Tier verwechselt werden könnte und dergestalt in die ewigen Jagdgründe einginge.
Weitere Ueberlebensstrategien werden nicht erläutert, denn Gebell und Schüsse verstummen.
Der Glatzköpfige und seine junge Frau erheben sich aus ihrer liegenden Stellung und klopfen sich gegenseitig die Fichtennadeln aus den Kleidern. Die beiden Jogger, die sich hinter einem Baumstrunk in Deckung gebracht hatten, nützen die liegende Stellung, um noch schnell zwanzig Liegestütze zu machen. Der Dicke sitzt immer noch in seinem Stuhl und ist eben daran eine weitere Flasche zu öffnen, als er plötzlich innehält. Zwischen den Bäumen hervor tritt ein Mann, der einen toten Hund auf den Armen trägt. Der Wildhüter habe das Tier erschossen, weil es angeblich gewildert habe. Der Hundehalter ist völlig aufgelöst und den Tränen nahe. Mit der einen Hand fährt er dem Tier immer wieder über den Kopf, dem Tier, das besser gewesen sei wie mancher Mensch und von diesem Schwein von einem Wildhüter einfach abgeschossen worden sei. Unsere Waldgesellschaft ist empört und betrachtet voller Mitgefühl den trauernden Mann mit seinem toten Dalmatiner. Natürlich sei dies ein Jagdhund, aber bis jetzt habe er noch nie ein Rehkitz oder einen Hirsch von seinen Waldstreifzügen nach Hause gebracht. Ohne Vorwarnung habe der Wildhüter einfach geschossen und ihn dann aufgefordert, das Tier raschmöglichst wegzuschaffen, ansonsten er noch mit Busse oder Strafverfolgung rechnen müsse. Wäre er nicht so geschockt und gelähmt gewesen, hätte er dieses Wildhüterschwein zusammengeschlagen.
Was man immer noch tun könne, meint einer der Jogger, er habe auch einen Hund und wenn ihm das passiert wäre, hätte er den Wildhüter erwürgt. Diese Typen würden den ganzen Tag über mit geladenem Gewehr durch den Wald streifen und Schreckens-meldungen über den Zustand unserer Wälder verbreiten, und nun würden sie auch noch unsere Haustiere abschiessen. Freie Bürger sollten sich zusammen tun, um solchen Typen eine Abreibung zu verpassen. Den Tierschutzverein sollte man benachrichtigen, ist die Ansicht der Frau des Dicken. Der plädiert für Aufhängen, an Bäumen würde es ja nicht fehlen, trotz des vielbeschworenen Waldsterbens, grinst er. Die Freiheit des Einzelnen werde immer mehr eingeschränkt. Nicht nur, dass man sich kaum mehr getraue, nach arbeitsreicher Woche über Land zu fahren, nein, nun würden auch noch freilaufende Hunde abgeschossen, als nächstes höchstwahrscheinlich freifahrende Individuen, ereifert sich der Briefträger.
Während die Frauen sich um den völlig gebrochenen Hundehalter bemühen, beschliessen die Männer den Wildhüter zu stellen, um ihm eine Lektion zu erteilen. Die Jogger erklären sich bereit den Mann aufzuspüren und herbeizuschaffen. Der Hundehalter, mit der Ausssicht auf kommende Rache, schliesst sich den beiden Joggern an.
Lange brauchen die zurückgebliebenen nicht zu warten. Schon eine Viertelstunde später kommen die beiden Läufer und der Hundehalter mit dem schon arg zugerichteten Wildhüter an. Er muss gestützt werden. Unsanft lassen sie ihn neben einer vom Borkenkäfer arg zerfressenen Fichte fallen, wobei er sich an der noch wenig vorhandenen Rinde das Gesicht zerkratzt. Blut läuft ihm übers Gesicht. Er fällt in Ohnmacht. Die Frauen scheinen nun doch ein gewisses Mitleid mit dem malträtierten Wildhüter zu empfinden, aber ein Blick auf den toten Hund und seinen trauernden Halter lassen keine falsche Sentimentalität zu.
Trotz der Ueberzeugung das richtige getan zu haben, breitet sich nun Ratlosigkeit aus. Was sollen sie nun mit diesem verletzten Opfer anfangen? Wenn man ihn einfach liegen liesse und ihn jemand fände und er, wieder bei Bewusstsein, bei der Polizei Angaben über seine Peiniger machen würde und vielleicht gar einen bleibenden Schaden davontrüge, müsste man noch seiner Lebtag für dessen Untehalt sorgen. Man könne ja einen Unfall vortäuschen, meint einer der Jogger, bei all diesen kranken Bäumen sei ja die Wahrscheinlichkeit gross, dass auch Mal einer umfalle.
Diese Idee wird in der allgemeinen Nervosität und in der Angst, entdeckt zu werden, zügig in die Tat umgesetzt. Die beiden Frauen räumen die Speisereste von den Tischen und verpacken das Ganze in die mitgebrachten Körbe. Der Mann mit Bauch ist trotz seiner Trunkenheit noch fähig den Tisch und die Stühle zusammenzuklappen und zum Wagen zu tragen. Der Briefträger sucht minutiös den Waldboden nach allfälligen Beweisstücken ab. Währenddessen ist der eine Jogger zu seinem Geländfahrzeug gelaufen und kommt jetzt rückwärts, langsam durch den Wald zur Lichtung. Am Baum, unter dem der Wildhüter liegt,werfen sie ein Seil hoch, das sich in einer Astgabel verfängt. Das andere Ende des Seiles wird an der Stossstange des Off-Roaders befestigt. Die beiden Jogger besteigen ihr Fahrzeug, beglückt zum ersten Mal Differentialsperre und Kriechgang sinnvoll einsetzen zu können. Griffig greifen die Pneus in den Waldboden, das Seil spannt sich und die dürre Fichte ächzt und kracht und bricht etwa drei Meter über dem Waldboden ab und erschlägt den dort liegenden Wildhüter. Es besteht kein Zweifel, der Mann ist tot, sein Kopf ist kaum noch als solcher zu erkennen. Der betrunkene Mittfünfziger und des Briefträgers Frau erbrechen sich je an einen Baum.
Die beiden Jogger rollen ihr Seil zusammen, besteigen ihr Fahrzeug und holpern langsam dem Waldrand zu. Die andern laufen hastig zu ihren Autos und steigen ein. Der Hundehalter legt sein Tier in den Kofferraum. Hintereinander fahren sie über die längst verlassene Wiese und den Feldweg hinunter.
Eine Amsel schmettert ihr Abendlied. Die Sonne ist längst untergegangen. Es ist immer noch kühl am Abend.
Der Dicke ist auf dem Rücksitz eingeschlafen. Seine Frau schaltet die Heizung ein. Der Briefträger steuert, er hat seine Frau aufgefordert alle Kleider und Gegenstände nach Blutspuren abzusuchen. Die beiden Jogger sitzen stumm nebeneinander. Der eine deutet zum Horizont, wo, wie die Erlösung aus einem Alptraum, die Lichter der Autobahn auftauchen.

 

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